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Bericht Seekajak Griechenland Winter 2010

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Reiseberichte
Bericht Seekajak Griechenland Winter 2010 | Reiseberichte

 

Wenn Wildwasserfahrer Wandern – Eine Lehrstunde des Mittelmeeres

Mehr Bilder zur Story gibt es >>hier

[Bild: Blick auf die Westküste Kefalonias]


Wie jedes Jahr neigt sich auch das Jahr 2009 im November dem Ende. Die Nächte werden länger und die Tage kürzer, auch die Temperaturen sinken kontinuierlich Richtung Gefrierpunkt. Doch diesen Winter will ich mich dem Wetter nicht geschlagen geben. Ich beginne Pläne zu schmieden wo man denn am besten eine Auszeit von Eis und Frost nehmen kann. Das Ziel der Winterflucht soll nicht arg weit weg sein und das ganze Unternehmen soll möglichst kostengünstig von statten gehen. Ich überlege: Galizien und Türkei sind zu weit weg, Korsika ist für das Frühjahr schon eingeplant, Übersee ist zu teuer. Da kommt mir wieder mein Lieblings-Land in den Kopf: Griechenland! Doch Griechenland im Winter? Die Berge sind hoch und die Flüsse bestimmt nicht fahrbar. Bleibt eigentlich nur mich meiner neuen Leidenschaft hinzugeben: Dem Seekajak fahren.

Schnell bin ich von meiner Idee begeistert und plane: Ich würde gerne eine Insel umrunden, die Insel darf nicht zu weit vom Fährhafen Patras (Peloponnes) entfernt sein (ich will ja nach 20 Stunden Fähre nicht noch zehn Stunden Auto fahren) und die Insel sollte innerhalb von 10 Tagen zu umrunden sein – stressfrei versteht sich.


Meine Wahl fällt auf Kefallonia. Kefallonia ist die größte der Ionischen Inseln, eine Fähre auf die Insel geht direkt vom Fährhafen Patras – also kein langes Gegurke mehr über griechische Festland-Straßen. Kefallonia hat eine Küstenlinie von knapp 250 Kilometern, somit sollte sie auch locker in der von mir angestrebten Zeit geschafft werden.


Ich schreibe also einen Rundmail an meine Paddel-Kameraden und konfrontiere sie mit der Idee. Zu meinem Erstaunen bekomme ich prompt 5 Zusagen. Robert, Micha, Daniel, Ise und Michael sind direkt angetan von der Idee und sagen ja zur Kefallonia-Mini-Expedition. Wir terminieren den Start der Tour auf den 2. Januar 2010 und planen bis zum fünfzehnten wieder in Deutschland zu sein.


Von den Expeditions-Teilnehmer haben lediglich Robert und Ich Seekajak-Erfahrung, alle anderen haben Null Ahnung von der Materie, alle sind aber hervorragende Wildwasserpaddler die sich auch im fünften Grad wohl fühlen. Langbooterfahrung hat außerdem der Ise der früher regelmäßig auf dem Rhein-Herne-Kanal Rennboot gefahren ist. Natürlich hat auch keiner der Wildwasserpaddler ein passendes Boot, Paddel oder sonstige Seekajak-Ausrüstung. Da Robert natürlich ein Seekajak besitzt und ich auch zwei Boote mein Eigen nennen darf organisiert sich Micha noch schnell ein Prijon Seekajak und für den Rest der Truppe leihen wir bei Jochen Lettmann wunderschöne Kohlefaser-Boote – brandneu und unbenutzt! Danke Jochen. Den Rest der Ausrüstung leihen wir uns zusammen und kaufen Kleinigkeiten wie Trinkwasserbehälter und Packsäcke.


Dann kann es ja losgehen!

Es ist der Morgen des zweiten Januar 2010, der Abreisetag. Wir stehen neben unserem VW-Bus und zählen noch einmal durch: Wir sind sechs Personen und haben sechs Boote a 550 cm Länge. Wir wollen alle mit diesem einen Auto fahren. Passen eigentlich sechs Seekajaks auf einen Bulli? Die Frage ist schnell geklärt, als wir unsere vier Boote aufgeladen haben. Der Träger ist zwar schon gut bestückt, allerdings sind wir überzeugt dass wir da auf jeden Fall noch weitere zwei Boote zupacken können. Also starten wir frohen Mutes unsere Reise in Köln und kommen auch sehr bald in Augsburg an um Micha und Daniel einzusammeln. Alles passt, wir sind beruhigt und fahren weiter in Richtung Ancona um von dort die Fähre nach Hellas zu nehmen.

[Bild: Alles passt auf und in den Bulli. Kriegen wir denn den ganzen Kram auch in die Boote??]

Im Hafen von Ancona stellen wir fest, dass der Winter auch in Italien eingezogen ist. Ein kalter Wind pfeift uns um die Ohren, dafür scheint aber die Sonne. Die Stimmung ist heiter als wir Richtung Griechenland ablegen und das glatte Mittelmeer wie ein großer ruhiger See vor uns liegt während die Sonne blutrot im Meer versinkt.

20 Stunden später kommen wir in Patras an. Die Temperaturen sind angenehm frühlingshaft und die Sonne scheint. Das Mittelmeer liegt ruhig und beschaulich da und zeigt sich wie auf den Bildern die wir vorab im Internet recherchiert haben. Mit einer kleinen Fähre setzen wir nach Kefallonia über und fahren dann nach Lixouri, dem Startpunkt unserer Rundtour. Da es schon spät ist kehren wir in eine Taverne ein und lassen uns mit griechischen Leckereien, Wein und Ouzo verköstigen. Mit der nötigen Bettschwere fallen wir in das Taverneneigene Matratzenlager.

Am nächsten Morgen hat sich der Himmel zugezogen und der Wind bereitet uns eine unruhige See. Ein Sturm bläst vom offenen Meer in die Bucht von Lixouri und kleine, steile Wellen peitschen uns entgegen. Doch dank der milden Temperaturen um die neunzehn Grad beladen wir die Boote mit der Ausrüstung für die nächsten zehn Tage und stechen in See. Schon nach wenigen Metern merken wir dass das heutige Tagesziel in weite Ferne rückt. Wir haben uns für den ersten Tag eine kurze Etappe, ca. 15 Kilometer vorgenommen, quasi zum einpaddeln. Doch bereits nach den ersten drei Kilometern klafft eine große Lücke zwischen den erfahreneren Langbootfahrern und denen, die noch nie in einem Wanderboot gesessen haben. Der Gegenwind der Stärke sechs macht allen zu schaffen, die Boote müssen am laufen gehalten werden und das Paddeln gegen den Wind erweist sich als deutlich anstrengender als das runterpaddeln eines Wildwasserflusses. Im kleinen Hafen von Lixouri, ca. dreieinhalb Kilometer von unserem Startpunkt entfernt, machen wir eine erste Pause und warten auf die Nachzügler. Bei Oliven und Wasser beschließen wir noch ein paar Kilometer zu paddeln und die nächste schöne Anlegestelle zum campieren zu nutzen – am ersten Tag will man sich ja nicht überanstrengen!

[Bild: Erste Pause im Hafen von Lixouri... Seekajak ist körperlich anstrengend!]

Nachdem wir wieder abgelegt haben bauen sich die Wellen immer höher auf. Wir schätzen ihre Höhe nun auf gut zwei Meter und auch die Brandung ist beachtlich. Wir entschließen den letzten Sandstrand in der Bucht von Lixouri anzusteuern und heute nicht mehr um das erste Kap zu fahren und uns dem offenen Meer auszusetzen. Schließlich sind die wenigsten von uns schon einmal mit einem voll beladenen Seekajak in der Brandung angelandet. Micha und Ich legen als erste an, dann folgen Robert und Ise. An Land angekommen erklimmen wir einen Felsen und halten Ausschau nach Daniel und Michael. Doch keine Spur von den beiden. Da wir aber vor knapp einer Stunde im Hafen von Lixouri gemeinsam los gepaddelt sind können die beiden nicht arg weit weg sein. Wir laufen also die Küste entlang und entdecken sie schließlich. Sie kämpfen sich verbissen durch die immer stärker werdenden Wellen, der Wind hat nun noch mehr aufgefrischt und gibt den beiden den Rest. Doch schließlich erreichen auch sie den sicheren Sandstrand, knapp eine Stunde später als die ersten unserer Gruppe.

[Bild: Geschafft! Tag 1 neigt sich dem Ende]

Wir bauen unsere Zelte auf und wollen mit dem Kochen beginnen. Doch mit Sonnenuntergang frischt der Wind noch einmal auf und peitscht die Wellen bis an unsere auserkorenen Camp-Plätze. Ruckzuck bauen wir die Zelte wieder ab und verschanzen uns in einer verlassenen Ferienanlage. Hier kochen wir und lassen den ersten Tag auf dem Mittelmeer Revue passieren – und kommen zu dem Schluss dass sich keiner diesen Trip so anstrengend und spannend vorgestellt hat... Es ist doch nur das Mittelmeer!

[Bild: Raue See seit Beginn der Tour]

Am nächsten Morgen ist es immer noch windig. Wir beschließen trotzdem abzulegen und den Turn um das Kap Akronri Richtung Westküste zu wagen. Das ablegen gegen die hohen Wellen entpuppt sich als recht kompliziert aber gut machbar und so stechen wir in See. Je weiter wir in Richtung offenes Meer unterwegs sind desto höher türmen sich die Wellen auf. Wir fahren einen großen Bogen um das Kap und bleiben in der Zone, in der sich die Wellen nicht brechen. Dafür erreichen die Wellen hier draußen auf dem Meer eine stattliche Höhe. Wir beschließen dass es sich um die höchsten Wellen der Welt handeln muss und das diese mindestens vier Meter hoch sind.

Als wir um das Kap herum sind liegen bei den ersten Wildwasser-Recken die Nerven blank. Wir schauen die Westküste entlang an der Millionen Liter Wasser zermalmen. So weit wir schauen können sehen wir nur Steilküste. Nur da rechts, am Horizont entdecken wir einen kleinen weißen Streifen der einen Sandstrand darstellen könnte. Wir beschließen diesen anzupeilen und dort anzulanden und eine Pause einzulegen falls es sich tatsächlich um einen Strand handeln sollte. Robert kämpft sich als erster durch die tosende Brandung und signalisiert kurze Zeit später dass dies ein perfekter Platz für eine Rast ist. Das Anlanden gelingt bei ihm perfekt und kurze Zeit später steht er am sicheren Strand. Während ich Robert beim Anlanden zusehe merke ich nicht, dass mich eine große Welle von hinten packt und Richtung Strand mitnimmt. Dummerweise nutzt die Welle den Überraschungsmoment aus und überschlägt mich mit meinem Seekajak frontal. Doch damit nicht genug. Unter Wasser merke ich wie das Boot von der Welle wieder rumgerissen wird und ich beinahe den Loop vollende. Ich schlage mit dem Heck meines Bootes in den Meeresboden ein und werde anschließend kräftig durchgemischt. Als ich wieder aufrolle sehe ich meine Kamerabox, meinen Notsender, meine Trinkflasche und meine Lenzpumpe, also alles was ich auf dem Oberdeck befestigt hatte, in der Brandung treiben. Im Augenwinkel sehe ich aber auch noch Michas Boot senkrecht in der Welle stehen. Micha scheint in seiner Rodeoehre gekränkt und will mir den gestandenen Loop nachmachen.

Sein Boot überschlägt sich frontal und direkt reisst es ihm die Spritzdecke auf. Auch er zerlegt sich in tausend teile und schwimmt neben seinem Boot in der Brandung. Ich habe mittlerweile das sichere Ufer erreicht und muss nun abwägen: Micha retten oder meine Kamera, Lenzpumpe und den restlichen Kleinkram. Ich erkenne das Micha Richtung Ufer getrieben wird und entschließe mich für meine Kamera. Kaum halte ich das gute Teil in den Händen kriecht Micha auch schon neben mir an Land. Auch sein Boot und seine Ausrüstung konnte er mit Roberts Hilfe bergen.

Kurz danach legen auch Michael, Daniel und Ise am Strand an. Sie haben unsere Moves gut beobachtet, sich ihre Helme aufgesetzt und sich einen sichereren Weg durch die Brandung gebahnt.

Wir schauen auf unser GPS und stellen erstaunt fest dass wir bereits fast fünf Kilometer absolviert haben. Da sich die Motivation weiter zu fahren für den Moment in Grenzen hält beschließen wir, das Lager aufzuschlagen und eine Lektion im Brandungssurfen einzulegen. Wir fahren also mit leeren Booten wieder in die Brandung und surfen was das Zeug hält.

Plötzlich ein Aufschrei. Robert sitzt in Ises Boot und surft Richtung Ufer. Doch was ist das? Warum liegt der Kahn so tief? Schnell stellen wir fest dass ein Brecher den Deckel der vorderen Abschottung des Magellan abgefetzt hat. Mit voller vorderen Luke surft Robert ans Ufer. Jetzt hat Ise nicht nur seine Steueranlage eingebüßt (diese ist schon am ersten Tag abgerissen) sondern ihm fehlt jetzt auch noch ein Lukendeckel. Wir suchen den ganzen Strand ab, können aber nichts finden. Auf den Schreck beschließen wir den Tag mit Ouzo und Nudeln abzuschließen und legen uns leicht angeduselt und satt schlafen – mal sehen was der nächste Tag bringt.

[Bild: Wenn kein Paddelladen in der Nähe ist, ist Improvisationstalent gefragt.]

Am morgen des dritten Tages ist der Deckel von Ises Boot immer noch nicht wieder aufzufinden. Wir werden also erfinderisch und bauen aus einem Stück Rebschnur und einem zerschnittenen Packsack einen neuen Deckel. Dann kann es losgehen. Heute ist das Meer zwar noch aufgewühlt doch der Wind hat deutlich nachgelassen. Wir haben sogar ein bisschen Rückenwind und legen ohne Probleme eine Strecke von 25 Kilometern zurück. Auf dieser Etappe zeigt sich Kefallonia von seiner besten Seite. Wir passieren schroffe Steilküsten mit grün-blauen Buchten und kleinen weißen Sandstränden. Wir pausieren viel und lassen uns von der Wintersonne bei gut zwanzig Grad wärmen. In einer der schönsten Buchten Kefallonias, der Petani-Bay, halten wir an und campieren. Hier bietet sich eine verlassene Strandbar als Unterschlupf an. Weil wir uns nahe der Zivilisation währen beschließen wir in den nächsten Ort zu wandern und eine Taverne aufzusuchen. Nach wenigen Kilometern Fußmarsch werden wir fündig und lassen uns mit griechischen Köstlichkeiten und Wein verwöhnen. Auf dem Rückweg in unsere Bucht schweift unser Blick über die endlos scheinende Steilküste und über die malerischen Buchten und Strände. Das Meer liegt ruhig da und ist schier grenzenlos und friedlich – so haben wir uns das Mittelmeer vorgestellt!

Am nächsten morgen zieht wieder Wind auf. Wir checken den Seewetterbericht und bekommen kalte Füße. Windstärke fünf bis sieben mit Böen bis Windstärke acht sind vorhergesagt. Dazu werden Wellen bis sechs Meter Höhe gereicht – aha!

Wir beschließen trotzdem die Boote zu beladen und aus der sicheren Bucht zu fahren. Doch schon die erste, völlig aus dem nichts und von hinten kommende achter Böhe bereitet Michael ein nasses Vergnügen. Er wird förmlich aus dem Stand umgeworfen und zur Rolle gezwungen. Wir sind also gewarnt und paddeln vorsichtig um die nächste Ecke. Zwar haben wir Rückenwind und die Windstärke ist OK, doch zwingen uns die wahnsinnigen Böen zur Umkehr. Nicht vorzustellen wenn auf dem nächsten Stück, zehn Kilometer Zwangspassage ohne Anlandemöglichkeit, jemand sein Paddel verlieren oder bei dem Wind baden gehen würde - ein Wiedereinstieg bei der tosenden See, die alles zerschmetternde Steilküste im Nacken, wäre kein Zuckerschlecken. Wir fahren also zurück zur Petani-Bay und beschließen zu Fuß die Steilküste abzuwandern und nach möglichen Notlagerplätzen Ausschau zu halten. Schnell sind ein bis zwei Anlandemöglichkeiten gefunden und wir beschließen am nächsten Tag noch einmal rauszufahren und unser Glück zu versuchen – diesmal mit dem Plan B in der Tasche. Doch am nächsten Morgen ist das Wetter noch schlechter und der Wind sowie die Böen sind noch stärker. Wir canceln also unser Vorhaben und beschließen im nächsten Dorf unsere Vorräte aufzufrischen und das Auto zu holen, für den Fall dass das Wetter in den nächsten Tagen nicht besser werden sollte und wir das nächste Kap auf dem Landweg umfahren müssten. Außerdem lassen wir bei dieser Gelegenheit von einem griechischen Autoschlosser Ises Steuer schweißen.

Am nächsten Morgen hat uns der Lagercollar vollständig übermannt und wir beschließen zu paddeln – komme was wolle. Als wolle uns Poseidon in unserer Entscheidung bekräftigen haben die Böen nachgelassen und die Wellen sehen nicht mehr so monströs aus wie am Vortag. Wir fahren also erneut aus unserer Bucht und kommen um die erste Ecke. Wir haben Rückenwind und die Wellen sind immer noch deutlich höher als erahnt. Von den Steilküsten reflektiert bauen sie sich zu wahren Wellentürmen auf und erreichen eine stattliche Höhe von mindestens fünf Metern – das müssen die höchsten Wellen der Welt sein. Wegen dem Rückenwind ist nach einigen Kilometern an eine Rückkehr in unsere Bucht nicht mehr zu denken. Unsere Boote werden von den Wellenbergen hin und her geschupst, wir fühlen uns wie im Fahrstuhl der permanent vom zweiten Stock in das Erdgeschoss und zurück fährt. Nach gut einer Stunde kommen wir an die kritischste Stelle. Das Kap Athéras, ein Felskap dass weit in das Meer hineinragt und an dem sich die Wellen auch schon weit auf dem Meer brechen. Wir fahren einen großen Bogen um diese brechenden Monsterwellen, immer weiter auf das Meer hinaus wo die Wellen sich immer höher auftürmen, sich dafür aber nicht so stark brechen. Angst macht sich breit unter der Expeditionsteilnehmer. Der ein oder andere denkt gar ans umkehren. Doch wir sind uns sicher dass wir keine Chance haben die Petani-Bay wieder zu erreichen. Auch das Anlanden in den vorher auf dem Landweg ausgespähten Notlagerplätzen ist keine Alternative. Denn der Wind hat in den letzten zwei Tagen die Richtung geändert und schmettert die Wassermassen nun erbarmungslos auf das felsige Ufer. In einem furiosen Finale umrunden wir das „Kap der Angst“ wie wir diese Stelle im Nachhinein nennen und gelangen nach einem dreistündigen Kampf mit dem Meer in eine geschützte Bucht hinter das Kap Athéras.

Wir atmen durch und sind sehr erleichtert diese Zurechtweisung des „ach so entspannten“ Mittelmeeres unbeschadet überstanden zu haben. An diesem Tag hängen wir an die zehn Kilometer Steilküste noch zwanzig Kilometer leicht welliges Mittelmeer in geschützten Buchten hinten dran. Wieder zeigt sich Kefallonia von seiner schönsten Seite. Vor allem der Einlauf in die wohl schönste und bekannteste Bucht der Insel, die Myrtho Bay mit ihrem türkisem bis glasklarem Wasser und den kleinen Grotten entschädigt für die Strapazen des Vormittags.

[Bild: Im Windschatten der Steilküste gibt es immer wieder Zeit zum Genießen und Entspannen]

Abends fängt es an zu regnen. Wir bauen die Zelte auf und spannen ein Tarp unter dem wir kochen und über den vergangenen Tag philosophieren. Wir sind uns nicht sicher ob wir jemals einen so spannenden Paddeltag wie den heutigen erlebt haben – und das obwohl die Liste an befahrenen Flüssen schon recht lang und spektakulär ist und auch die ein oder andere Erstbefahrung aufweist.

Am sechsten Tag unserer Reise umrunden wir auf ruhiger See die Festung von Assos und laufen in den kleinen Fischerhafen von Assos ein. In Vorfreude auf eine griechische Taverne und auf ein einfaches Zimmer mit Dusche knurren uns die Mägen und das Salz auf der Haut beginnt umso mehr zu jucken. Doch als wir anlanden und uns umsehen stellen wir fest, dass Assos komplett verlassen daliegt. Keine Menschenseele, keine offene Taverne und erst recht keine Dusche erwarten uns. Etwas enttäuscht schlagen wir unser Lager an der verlassenen Promenade auf. Als wir durch den Ort wandern stellen wir fest, dass die Fischerhäuschen allesamt in Ferienwohnungen und Appartments umgebaut wurden und die ca. zehn geschlossenen Tavernen wohl nur im Sommer und ausschließlich für die Touristen geöffnet haben. Als wir einen winzigen Laden entdecken lernen wir drei alte Griechen kennen. Sie sind die letzten Einheimischen die mit ihren Familien den Winter in Assos verbringen. Wir kaufen bei ihnen Schokolade und Bier und bescheren dem Laden den besten Umsatz des Winters. Nach diesem Einkauf wandern wir noch zur Festung die hoch über dem Meer thront. Von hier aus haben wir einen großartigen Blick auf die Küstenlinie. Wir sehen die Ausläufer der Myrtho-Bay und können das Kap der Angst am Horizont erspähen. Auch sehen wir die Küste die uns am nächsten Tag erwartet -zwanzig Kilometer Steilküste bis zum Nordkapp Kefallonia.

Als die Sonne im Meer versinkt kochen wir und genießen den Blick auf das glatte Wasser und auf das letzte Fischerboot von Assos.

Am Morgen werden wir früh wach und beladen nach einem kurzen Frühstück die Boote. Wir fahren aus der Bucht von Assos hinaus aufs Meer, immer den Blick auf die schroffe Küste gerichtet. Unser Griechenland-Reiseführer hat uns nämlich berichtet, dass hier in den Grotten die vom aussterben bedrohten Möchsrobben leben sollen. Leider entdecken wir keines der seltenen Tiere und setzen unseren Weg fort in Richtung Nordkap. Das Meer ist heute ruhig und beschaulich, wir können uns nah an die Steilküste heranwagen und uns die Unterwasserwelt der Grotten ansehen. Wir haben leichten Rückenwind und kommen schnell voran. Nach wenigen Stunden erreichen wir das Nordkap. Kleine Kiesbuchten mit herrlich klarem Wasser laden zum schnorcheln und sonnenbaden ein - bei fünfzehn Grad natürlich mit Neo und Trockenjacke.

[Bild: Einsame Buchten am Nodkap der Insel]

Nach ausgiebiger Pause fahren wir weiter in Richtung Fiscardo. Dieser kleine Ort in der Meerenge zwischen Kefallonia und Ithaka soll das Tagesziel für heute sein. Wir laufen in den Hafen ein und werden direkt von einem alten, freundlichen Griechen begrüßt. Wie sich herausstellt handelt es sich um den Bürgermeister von Fiscardo der uns als seine ersten ausländischen Gäste im Jahre 2010 begrüßt und uns ernsthaft fragt, was wir bloß um diese kalte Jahreszeit im fernen Griechenland zu suchen haben. Als wir ihm erzählen, dass fünfzehn bis zwanzig Grad für uns gar nicht so kalt ist und dass die Temperaturen in Deutschland im Moment minus zehn Grad betragen lächelt er und nickt verständnisvoll.

Da der Wind an diesem Abend wieder auffrischt und Regen über das Meer zu uns treibt beschließen wir das Auto zu holen und die Insel-Umrundung an dieser Stelle für beendet zu erklären. Vielmehr wollen wir noch einen Tag am Festland verbringen und am Ionion Beach, eine gute halbe Stunden von Patras entfernt, den Urlaub mit einer weiteren Lektion im Brandungssurfen abrunden. Wir setzen also mit der Fähre über und verbringen eine Nacht mit Dusche, Fernseher, Bett und festem Dach über dem Kopf in einem komfortablem Appartment bevor wir am nächsten Tag den Seekajak-Trip in Griechenland bei perfekten Wellen ausklingen lassen.

Zwar haben wir unsere Inselumrundung nicht geschafft, trotzdem war die Winterflucht nach Griechenland einer der interessantesten Kajaktrips unserer bisherigen Paddelkariere. Und wir sind uns allesamt einig: Wir kommen wieder um die Insel zu umrunden – diesmal aber irgendwann im April oder September, wenn uns Wind und Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen.

Infos Kefallonia:

Kefallonia ist die größte der Ionischen Inseln und mit 250 km Küstenlinie bestens geeignet für einen ca. zehntägigen Trip. Auch die Nachbarinseln Ithaka, Lefkada und Zakinthos sind eine Reise wert.

Klima / Beste Zeit:

Im Winter milde Temperaturen, in der Regel zwischen 10 und 15 Grad, mal wärmer, mal kühler. Man ist in der Regel völlig alleine unter den einheimischen Griechen die hauptsächlich im Inland der Insel und in den größeren Orten Póros, Sámi, Argostóli und Lixoúri leben. Im Sommer erreichen die Temperaturen schnell 35 bis 40 Grad und die Insel ist besiedelt von vielen, meist englischen Touristen. Im Herbst sind in der Regel noch angenehme Temperaturen anzutreffen und die letzten Touristen ziehen sich in der Regel spätestens Ende Oktober zurück, aber auch im September und Anfang / Mitte Oktober hat man schon seine Ruhe in den kleinen Buchten der Insel.

Voraussetzungen:

Die Tour im Winter war wirklich spannend und hat reichlich Erfahrung gebracht, allerdings sollte man, wenn man im Winter antritt, sehr sattelfest im Boot sitzen. Unserer Meinung nach ist die Rolle pflicht, auch sollte man sämtliche Rettungs- und Bergetechniken der hohen Seekajakschule beherrschen.

Einfachere Bedingungen findet man bestimmt im Frühjahr (bis Mai) und im Herbst (September, Oktober) vor. Hier sind die Temperaturen in der Regel deutlich höher und auch die Winde halten sich in der Regel in Grenzen, das Gebiet eignet sich dann auch für fortgeschrittene Paddler.

Unterkünfte;

Im Winter und Frühjahr findet man bestimmt noch viele Möglichkeiten wild zu campieren, Pensionen und Ferienanlagen werden um diese Zeit nur selten bis gar nicht geöffnet haben. Im September und Oktober, zur Nachsaison, werden bestimmt noch einige Tavernen und Pensionen geöffnet haben, aber auch dann findet man sicher eine Menge kleiner Buchten zum einsamen campieren. Campingpläte findet man nur in Sami und Argostoli, in den größeren Städten findet man auch im Winter günstige Hotels und Gästezimmer.

Ausrüstung:

Im Winter, Herbst und zeitig im Frühjahr muss man mit voll ausgestatteten, abgeschotteten Seekajaks antreten. Neo, Trockenjacke oder Trockenanzug ist Pflicht. Lenzpumpe, Ersatzpaddel, Towline, Schwimmweste sind obligatorisch.

Des Weiteren sollte man in der Nebensaison genügen Wasser mitführen.

Wir haben auf Kefallonia keinen Kanuverleih gefunden. Eine geführte Gepäcktour (auch mit Leih-Seekajaks, -Ausrüstung und -Paddel) für Fortgeschrittene Paddler im Mai bietet die Firma Outdoordirekt von Christian Zicke und Nadja Matschulat an (www.outdoordirekt.de).

Etappen:

Die Etappen kann man sich nach Lust und Muckis einteilen, wenn man die Länge der Steilküsten einplant. Wir haben vorher mit Hilfe von Google Maps, einem GPS und verschiedener Karten Buchten und Strände vermerkt und so eine Tour ausgearbeitet die wir aufgrund der widrigen Bedingungen nicht nachpaddeln konnten. Gerade wenn das Meer etwas ruhiger ist gibt es aber viele Anlande- und Biwakmöglichkeiten an Stränden und in Buchten.

Tourvorschlag (bei ruhigen Bedingungen, nicht komplett abgepaddelt!):

Tag 1: ::: bei Lixouri bis Mégas Lákos Beach oder Kap Xi, ca. 12 bis 15 km

Tag 2: Ende Etappe 1 bis Petani-Bay, ca. 25 km

Tag 3: Petani-Bay bis Myrtho-Bay, ca. 30 km

Tag 4: Myrtho-Bay bis Nordkap, ca. 25 km

Tag 5: Nordkap bis Agia Efemia ca. 30 Kilometer

Tag 6: Agia Efemia bis Poros, ca. 30 Kilometer

Tag 7: Poros bis Kap Koróni, ca. 25 Kilometer

Tag 8: Kap Koroni bis Àmmes Beach, ca. 20 Kilometer

Tag 9: Ámmes Beach bis Argostoli, ca. 12 Kilometer

Tag 10: Argostoli bis Lixouri, ca. 7 bis 20 Kilometer, je nach Weg

Gefahren:

Immer wieder Steilküste ohne Anlandemöglichkeit, Winde, Wellen und starke Brandung im Winter.

Von Christian Zicke (Text und Fotos), www.outdoordirekt.de

Mehr Bilder zur Story gibt es >>hier

Den Seekajak-Kurs Kefalonia gibt es >>hier













 

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