Nadja
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Im dunklen Tann der Eifel

Im dunklen Tann der Eifel

Der Winter – die unbarmherzige Periode im Jahr, in der Paddler in ganz Europa nur auf eines warten: Auf warme Temperaturen und die damit verbundene Schmelze in den Gebirgen. Doch nicht nur in den Alpen gibt es Berge. Auch wir „Norddeutschen“, wie wir hier in NRW gerne von den Süddeutschen genannt werden, haben wahre Gebirge mit richtigen Fluss-Perlen vor den Toren unserer Metropolen.

Und wenn die lang ersehnte Schmelze dann einsetzt, dann sind wir NRWler nicht mehr zu halten. Wie Pilger strömen wir aus allen Richtungen zu den Bächen die die Welt bedeuten: Lenne, Volme, Hoppecke, Enneppe, Rur, Alfbach und Co. erleben dann das Wintererwachen der Paddler.

Doch sind die o.g. Bäche für sattelfeste Wildwasser-Recken nur Lückenfüller um überhaupt mal ins Boot zu kommen in der trockenen Jahreszeit, so gibt es doch auch für den adrenalinsüchtigen „Stürzer“ den ein- oder anderen Kick vor unserer Haustür. Und davon handelt dieser Bericht. Von Männer die alleine in den dunklen Tann der Eifel zogen, um sich den Herausforderungen zu stellen, die sie so dringend zum überleben brauchen.

Freitag morgen, 5.30. Mit lautem Piepen weckt uns der Pegel-Ticker meines Computers. Von einer Sekunde auf die andere bin ich hellwach und weiß Bescheid. Der lang ersehnte warme Regen ist angekommen und bringt die Pegel in Schwung. Ich haste zum Rechner und klicke schnell auf die Messstelle Monschau / Rur. Satte 100cm. Super. Schnell den Verteiler-aktiviert und eine Gruppe Unerschrockener für Mittags an die Rur bestellt.

Sieben Stunden später brennen die Finger im ersten Kehrwasser. Wir können die Paddel kaum noch halten und das eisige Wasser frisst sich durch die Paddelklamotten. Trotz Plusgrade tut das Paddeln heute einfach nur weh – verfluchte Eifel. Doch wir setzen den wilden Ritt fort. Die hohe Rur ist schnell geschafft, es folgen Stellen wie der Knochenbrecher, das Brauerei-Wehr und der Favoriten-Töter. Nach dem Hexenkessel ist der Schmerz vorbei – aber leider auch der Bach. Die Rur hätten wir abgehakt. Zwei Stunden später sitze ich in der Badewanne und träume von mehr Adrenalin. Da kommt es mir: Wir müssen raus, wir müssen in die Wälder, wir müssen zu den Wasserfällen.

Die Wasserfälle! Das sind für uns NRWler nur drei Stück. Aber die haben es in sich! Die drei großen E´s der Eifel. Elzbach-, Endert- und Enzfall.

Schnell aus der Wanne und wieder den Pegel gecheckt: Die drei großen E´s laufen erst ab einem Pegel von 100cm in Müsch. Wir haben 270cm. Sollte gehen. Schnell die Truppe zusammen telefoniert und ein Date für morgen früh ausgemacht. Halb neuen Frühstück – dann Kurs Eifel.

Am nächsten Morgen sitzen wir im Auto. Das Ziel ist klar. Die E´s chronologisch abhaken, danach die Eifel queren und schnell nochmal auf die Rur. Denn keiner weiß wann hier das Wasser wieder fort ist.

Nach einer Stunde sind wir am Elzbachfall. Die Sonne scheint, es hat dreizehn Grad. Und der Fall ist wie erwartet – fieß, unsauber und beängstigend. So hatten wir uns das vorgestellt. Autoreifen, halbe Bäume und zerstörte Kajaks schwimmen bereits im Kehrwasser unterhalb des Falls. Als ich mein Boot schultere und mich zum großen Pool unterhalb des Falls begebe um mich zum Sichern und Fotografieren aufzubauen, wird mein Weg von Warnungen begleitet. Lebensmüde, gestört, wahnsinnig, ich rufe die Feuerwehr sind Worte die ich unterbewusst wahrnehmen. Doch nichts kann Ise jetzt noch aufhalten. Der Paddelkamerad sitzt bereits im letzten Kehrwasser vor dem Fall und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Sekunden später ist er unten und die Passanten nehmen ihre Warnungen zurück. Sie haben begriffen, dass wir aus einer anderen Welt kommen.

Weitere 5 Befahrungen später müssen wir weiter. Endert- und Enzfall warten auf uns. Wir kämpfen uns durch ein Gewirr von „wegen Hochwasser gesperrten“ Straßen dem Kloster Maria Martental entgegen, an dessen Fuße der nächste Fall lauert. Nach einer langen Reise von knapp fünfzig Minuten sehen wir den Fall endlich. Doch es sind keine Touristen da die wir beeindrucken können. Traurig wegen wir ab. Schwimmen im bösen Tumpf des Falls – und das ganz ohne Zuschaue? Das lohnt nicht. Wir entscheiden hier nicht unsere Energie zu verschwenden und sitzen eine halbe Stunde später wieder im Auto. Unter die folgenden Gespräche mischt sich der Verdacht, dass wir uns nicht getraut haben. War dieser Fall heute zu hart für uns?

Am Abend ertränken wir diesen Rückschlag in gutem Eifler Bier und in Rahmsoße (genau wie das Cordon Bleu). Doch eines ist klar: Wenn am Morgen der Hahn kräht sind wir wieder am Start – der Enzfall ist nur fünf Gehminuten von unserem Hotel entfernt und diesmal gibt es keine Ausreden. Denn hier, mitten in der Stadt, gibt es genug Renter die man beeindrucken kann!

Es ist morgen. Der Enzfall liegt vor uns. Er sieht nicht nur machbar aus, sonder er macht richtig Lust. Schnell ist die Kamera aufgebaut und die ersten Befahrungen sind im Kasten. Alte Männer und BWL-Studenten loben unsere Courage und wünschen sich auch einmal so heldenhaft vor ihren Mitmenschen dazustehen. Doch wir müssen weiter – keine Zeit für Interviews – denn der Pegel der Rur zeigt 160 cm!

Zweieinhalb Stunden später stehen wir am Einstieg. Auf dem Fluss ist erstaunlich wenig los für einen Sonntag Mittag in Monschau - bei perfektem Pegel. Schnell sind wir umgezogen und reiten auf den Fluten der Rur dahin. Die Finger brennen bereits nach zwei Minuten. Aber sie tauen ja irgendwann wieder auf. Die dreizehn Grad von gestern sind Geschichte. Es ist bitterkalt und trotzdem können wir den Fluss fast genießen. Wuchtig, mit Wellen und Walzen gespickt reiten wir die hohe Rur, dann die Stadtdurchfahrt und anschließend die Eifler Landschaft dem Sonnenuntergang entgegen...