Nadja
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Soča - eine Liebeserklärung

Soča - eine Liebeserklärung

Ich habe nachgezählt – bereits über 60 Mal bin ich schon in Richtung Bovec über den Predil-Pass gefahren. Die vielen Anreisen über den Vrsic-Pass, über Venedig oder Kroatien mal nicht mitgezählt. Das ist das Ergebnis aus rund 20 Jahren Sočatal, in denen ich im Schnitt dreimal im Jahr in Slowenien war, ca. hundertsechzigmal die Friedhofstrecke gepaddelt bin und ca. 60 Kremschnitten beim Albaner gegessen habe. Ob es nicht langsam reicht? Auf keinen Fall! Auch für die nächsten Jahre sind wieder einige Touren an die Soča geplant. Zugegeben, nicht immer frönen wir unserem Urlaub zu frönen, sondern sind auch im Auftrag unserer Kanuschule unterwegs. Mit der Mission, weitere Paddler mit dem Soča-Virus zu infizieren!

Predilpass – an der Schranke zum Paradies

Geschmeidig lasse ich das Gespann um die »tornante numero uno« fliegen. Rechts von mir der Predil-See, vor mir die „tornante numero due“, die Mutter aller Serpentinen, die nur mit viel Schwung oder im ersten Gang zu meistern ist und besonders bei Wohnwagenfahrern für feuchte Hände sorgt. Doch noch gefürchteter war bis vor wenigen Jahren der Grenzübergang auf der Passhöhe. Ist der Personalausweis noch gültig? Haben wir alle Kanuschul-Aufkleber vom Bus entfernt? Denn hier entschied das strenge slowenische Gesetz, wer einreisen durfte und wer nicht. Perso gültig: »Dobrodosli!!« – willkommen in Slowenien! Perso abgelaufen: »Nasvidenje« – auf Wiedersehen und ab zur deutschen Botschaft in Klagenfurt, einen vorläufigen Ausweis ausstellen lassen.

Doch die gefürchteten Grenzer gehören der Vergangenheit an. Nur noch ein verwaistes Gebäude erinnert an die alten Zeiten vor dem Beitritt zur Schengenzone. Was aber geblieben ist, ist der erste Eindruck – wenn man vom Zenit des Passes langsam in Richtung Tal rollt und der Blick frei wird auf die schroffen Bergspitzen, die grünen Hänge und den smaragdenen Fluss. Tief unten funkelt die Koritnica, die am 2677 Meter hohen Mangart entspringt. Die grandiose Landschaft der Julischen Alpen lässt uns schnell all die weniger schönen Geschichten vergessen, die vor allem älteren Reisenden als Überbleibsel des bis 19991 sozialistischen Jugoslawiens im Gedächtnis sind.

Die Magie eines Flusses

Warum bloß verschlägt es so viele Paddler und Outdoorsportler immer wieder in die Julischen Alpen? Worin besteht der hohe Suchtfaktor des Sočatals? Für uns Kanufahrer sind es natürlich in erster Linie die Wasserfarbe und der wunderschöne, abwechslungsreiche Charakter der Soča. So setzt der Paddeleinsteiger im Unterlauf ab Kobarid seine ersten Schläge im leicht strömenden Wasser. Der Crack entschwindet weit unterhalb der Talstraße bei Trnovo in der Großen Schlucht. Und alle anderen, die gerne auf Wildwasser II und III je nach Könnenstand cruisen, surfen oder spielen, finden auf Haus- und Hausfrauenstrecke, im Bunkerschwall oder auf der deutlich wuchtigeren Friedhof- und Abseilstrecke ihre Erfüllung.

Wer heißes Wetter mag, seine Vesperpause gerne auf blendend weißen Kiesbänken neben barbusigen Damen einlegt und es liebt, bis in die späten Abendstunden den Blick über das klare Wasser schweifen zu lassen, lässt sich die Sonne auf den Balg scheinen und kommt im Sommer ins Tal. Wer einen oft schon warmen, stets aber wassersicheren Saisonstart sucht, kommt Anfang April, Freunde wuchtigen Schmelzwasservergnügens reisen spätestens zu Pfingsten an. Paddler, die das Tal für sich haben wollen, finden ihr Glück im Herbst. Ach ja: Die Soča kann man von April bis Oktober durchgehend paddeln – dank üppigem Karstquellen-Reservoir im Bergmassiv nahe Trenta. Auch dies ist ein Grund für ewige Liebe und Dankbarkeit seitens der Paddler.

Doch auch wenn Frau Paddlerin sich mit den Kolleginnen und Kollegen auf dem Bach vergnügt, ist der Göttergatte noch lange nicht zum Shuttlebunny degradiert. Denn das wäre – erstens – nicht nötig, weil man jede Strecke auch zu Fuß oder per Mountainbike über einen begleitenden Weg versetzen kann, und – zweitens – viel zu schade. Denn auch Nicht-Paddler finden im Sočatal ihre ganz persönliche Erfüllung: Wanderwege en Masse in schönster Alpenlandschaft erwarten Bewegungswillige in jeder Himmelsrichtung. Ein Mountainbike-Park der Superlative am Hausberg, dem Kanin, lockt Radlefahrer aus ganz Europa. Oder wie wär’s mit Paragliding, einem Ausflug ans Mittelmeer, Shoppen in Ljubljana? Sogar Historiker kommen auf ihre Kosten. Kaum vorstellbar in der schönen heilen Welt des internationalen Fremdenverkehrs, erzählt das Sočatal grausame Geschichten aus nicht allzu lang vergangener Zeit. Tragödien enormen Ausmaßes spielten sich zwischen Tarvis und Tolmein, zwischen Flitsch und Karfreit (heute Bovec und Kobarid) während des Ersten Weltkriegs ab, als »sich der Fluss rot verfärbte vom Blut der gefallenen Soldaten« während der großen Isonzo-Schlachten in den Jahren 1915 bis 1917.

Befahrungsregeln

Wer wie ich seit vielen Jahren nach Slowenien reist, der wird beobachtet haben, wie sich das Tal rund um die Soča verändert hat. Der Tourismus hat besonders Gastronomie, Hotels, Pensionen und Campingplätzen zu Wachstum verholfen. Und obwohl man im Sommer ewig an der Supermarktkasse steht (Haben die Urlauber am Sonntagmorgen um acht nix besseres zu tun?) hat das Tal seinen Reiz nicht verloren. Einige Regeln für das Zusammenleben der Paddler mit anderen »Nutzern« der Soča, wie z. B. den Anglern, die für ein Tagesticket gut und gerne 70 Euro zahlen, haben das Leben für Natur und Mensch erträglich gemacht. So kostet die Befahrung der Soča eine kleine Gebühr. Im Gegenzug werden die Wege zum Fluss instand gehalten und Toiletten an den Ein- und Ausstiegen aufgestellt. Bei der Vielzahl an Paddlern im Jahr sind solche Maßnahmen unverzichtbar. Auch darf nur an bestimmten Stellen ein- und ausgebootet werden, und die Befahrung der gesamten Soča zwischen Zweiter Klamm und Tolmin muss um 18 Uhr enden. Eine verständliche Beschränkung, will man weiterhin auch Tieren und Pflanzen das Leben an den Ufern der Soča ermöglichen. Die Durchsetzung dieser Regeln und Gesetze war wiederum eine andere, wunderbare und verwunderliche Slowenien-Geschichte. So wurden einige Paddler nach Überschreitung der 18-Uhr-Regel um einige Hundert Euro ärmer – und die Kasse von Bovec reicher. Ein sonnenbebrillter Ranger sorgte für Zucht und Ordnung. Auch Parksünder, die im eingeschränkten Halteverbot auf der Kiesbank ihren Motor für eine Sekunde abstellten, waren nach einem freundlichen »dober dan« mit 60 Euro Sofortzahlung dabei. Musste die Polizei anrücken, um den Fall zu klären, wurden 120 Euro fällig. Mit laufendem Motor durfte aber entspannt abgeladen werden. Glücklich war, wer dies wusste. Doch auch diese fragwürdigen Methoden gehören der Vergangenheit an. Zwar wird die Einhaltung der Regeln immer noch überprüft, der gefürchtete »Dober-dan-Ranger« wurde aber neulich dabei gesehen, wie er Kindern über die Straße half und den Verkehr regelte.

Das erste Mal

An das erste Mal Soča kann sich bestimmt jeder erinnern. Das erste Mal, das sich bei mir für immer ins Hirn gebrannt hat, ist meine erste Befahrung der Großen Schlucht. Damals, im Jahr 2005, war ich bereits viele Male an der Soča gewesen. Ich kannte jeden Stein und jedes Kehrwasser mit Namen. Nur diese eine Strecke war ich noch nie gefahren. Zu groß die Angst, zu krass die Lagerfeuergeschichten. Und die vielen schweren Unfälle in der Schlucht bewiesen immer wieder, dass auch mit der Soča nicht immer gut Kirschen essen ist. So dauerte es einige Zeit, bis mich Holger Schröder und Tobi Altvater überzeugt hatten, sie am nächsten Tag in die Große Schlucht unterhalb Trnovo zu begleiten. Ganz ehrlich, ich hab schlecht geschlafen die Nacht davor – und war doch froh, als ich an der Hängebrücke von Trnovo endlich ins Boot steigen durfte: Warmfahren auf der WM-Strecke, dann vorbei am markanten Brückenpfeiler mit dem roten Kreuz. Nun lag das letzte Kehrwasser hinter uns. Die Sonne brannte, der Wasserstand war unfassbar niedrig, dennoch war der Paddeltag spannend und wunderbar. In einer so bekannten Landschaft einen unbekannten Abschnitt mit tollen Paddelkollegen zu befahren, das ist einfach ein Erlebnis. Und dieses Gefühl zu vermitteln, das ist auch der Reiz, der mich mit meinen Kanukursen immer wieder an die Soča treibt. Fortgeschrittenen Paddlern das erste Mal die Abseilstrecke zu ermöglichen - mit maximaler Sicherheit, aber mit hohem Adrenalinspiegel. Bei den Teilnehmern, versteht sich ...

Apropros Abseilstrecke: Ich erinnere mich an einen sehr heißen Tag im Sommer. In der Nacht zuvor hatte es geregnet und die Abseilstrecke stand auf dem Programm. Da am Tag vor dem Regen der Wasserstand extrem niedrig war, wagte ich mich mit meiner fitten »Dreier-Gruppe« an diese Königsetappe jedes Sočakurses. Unten angekommen – der Weg zum Einstieg ist bekanntlich lang und beschwerlich – dann die Überraschung: Der Regen der Nacht hatte den Bach um einige Kubik anschwellen lassen. Zu viel für die Gruppe? Doch der Blick nach oben zur Straße und in die Gesichter der Teilnehmer signalisierte eindeutig: Da schwimmen wir lieber runter, als dass wir wieder hochtragen! Gesagt, getan. Dieser Tag stand im Zeichen des Kampfes – des Kampfes mit den Gewalten. Es wurde gestützt, geschwommen und gerettet, was das Zeug hielt. Am Ende des Tages aber verspeisten wir unsere Palacinke als glückliche und erschöpfte Sieger!

Schwimmer auf der Friedhofsstrecke

Die Soča eignet sich wie kein anderer Fluss für den Einstieg in den Wildwassersport. Oft haben wir völlige Novizen in unseren Kursen. Am ersten Tag lernen diese die ersten Paddelschläge auf dem Predilsee und fürchten sich die ersten Male vor dem Aussteigen unter Wasser. Wenn alles gut läuft, paddeln wir mit derselben Gruppe am Ende der Woche die Friedhofstrecke. Das Erlebnis für mich als Kanulehrer ist dabei genauso großartig wie das der Teilnehmer. Zu sehen, wie Gelerntes umgesetzt wird und die Neulinge versuchen, mit dem Wasser zusammen zu arbeiten, um das Ziel zu erreichen. Und natürlich läuft nicht immer alles nach Plan - Kraulen gehört zur Tagesordnung. Und gerade ein Anfänger im Sport kann mal einen richtig schlechten Tag haben. High-Score auf der Friedhofstrecke während einer einzigen Befahrung: Schwimmer. Natürlich eine absolute Ausnahme, weil besagter Paddler den Tag zuvor schwimmfrei gemeistert hat. Fazit: »Beim nächsten Mal lasse ich das Boot im Camp, dann ist das Schwimmen weniger anstrengend.« Doch auch nach so einem Tag tröstet das Eis in Bovec über den Totalausfall hinweg und spätestens am Lagerfeuer werden schon wieder Pläne für den nächsten Tag geschmiedet.

Du brauchst was auf die Knochen, Junge!

Essenziell für einen gelungenen Paddelurlaub ist ohne Frage auch das Drumherum. Und was ist für uns Paddler wichtiger als das Essen? Nix, genau! Denn wer sich tagsüber den Bach runterspielt, der hat sich danach was Leckeres verdient. Und nirgends auf der Welt kann man sich nach den bestandenen Abenteuern so üppig den Bauch vollschlagen wie im Sočatal. Nach dem Paddeln erst einmal zum »Albaner«: Die kleine Eisdiele am Marktplatz in Bovec hat das beste Eis, den besten Kaffee und die zweitbeste Kremschnitte (nur die Kremschnitte im Dorf Kanal, an der unteren Soča gelegen, hat mehr Punkte erreicht, da sie zu allem Überfluss von einer ebensolchen serviert wird). Sollte das nicht reichen oder hält man es nach einer mehr oder weniger erfolgreichen Befahrung der Abseilstrecke nicht mehr bis Bovec aus, dann hilft der beste Palacinke im Tal weiter. Den gibt es am Camp Lazar in Kobarid. Den besten gebackenen Käse gibt es eindeutig beim freundlichen Wirt der Gaststätte Hedvika in Kal Koritnica (auch das beste Ljubljana-Schnitzel, die slowenische Variante des Cordon Bleu). Riesige Pizzen serviert man im Letni Vrt in Bovec. Die leckerste Majo allerdings bei Vancar in Čezsoča. Die besten Cevapcici gibt es im Supermarkt, die muss man selber grillen! Basta!